2003-2006, »Nobelpreis und Universität Wien – Gruppenbild mit Fragezeichen«, Wien, Österreich (pdf)

Im Zuge der Fertigstellung des Umbaus und der Sanierung von Aula, Seitenaulen und Arkadenhof der Universität Wien wurde für die Portraitbildnisse der Nobelpreisträger ein neuer Ausstellungsort innerhalb des Universitätsgebäudes und gleichzeitig eine neue Form der Präsentation gewählt. Bislang waren es neun Wissenschafter – Robert Bárány, Julius Wagner-Jauregg, Hans Fischer, Karl Landsteiner, Erwin Schrödinger, Viktor Franz Hess, Otto Loewi, Konrad Lorenz, Friedrich August von Hayek – die mit der Universität Wien durch Forschung oder Lehre verbunden waren und mit der Verleihung des Nobelpreises die wohl meist angesehene internationale Auszeichnung entgegennehmen durften.

Das Projekt wurde in Kooperation mit Roger Baumeister, dem Architekten für die Neugestaltung des Hauptgebäudes der Universität und dem Institut für Zeitgeschichte unter der Leitung von Friedrich Stadler zusammen mit Herbert Posch realisiert. Mit der Neu-Disposition der Portraitfotos wurden Bele Marx & Gilles Mussard (Atelier Photoglas) betraut, die zur Durchführung der Konzeption ihre Technologie Photoglas eingesetzt haben. Mit diesem Verfahren konnten die Portraitfotos zwischen zwei Glasschichten zu unterschiedlich hohen Stelen verarbeitet werden, wobei die Fixierung in Metallbasen eine autonome Aufstellung im Raum ermöglicht. Als Aufstellungsort dient eine Wandnische in der Aula, in der Nähe des Haupteingangbereichs der Universität. Neben der Positionierung der Stelen ist die Komposition der Bildnisse ein wesentliches Raum bildendes Element. Einerseits »schließen« die verschiedenen Blickrichtungen das Gruppenbild und bekunden damit eine werkimmanente Einheit, andererseits ermöglichen sie dem/r BetrachterIn von unterschiedlichen Standpunkten aus, sowohl mit dem Einzelbildnis als auch mit der gesamten Bildnisgruppe zu korrespondieren. In der rhythmischen Abfolge von oben und unten, davor und dahinter in der Aufstellung wird eine Dynamik bewirkt, die dem Aufstellungsort grundsätzlich entspricht, denn der Eingangsbereich zählt zu den meist frequentierten Bereichen des Gebäudes – er ist Verteiler aber auch
Versammlungsort.

Lampen im Sockelunterbau dienen der gezielten Licht-Schatten-Inszenierung. Die Wandnische übernimmt einen dualen Aspekt in der Aufstellung, sie ist sowohl Rahmen als auch erweiterter Kunstraum, begrenzender Hintergrund als auch als aktive Fläche für die fluktuierenden Schatten-Bild-Projektionen.

Das Inkorporieren der durchsichtigen Bildvorlage in Glas verstärkt die »Sichtbarmachung« des Sujets. Mit der gewonnenen Plastizität einerseits und der transparenten »Verpackung« der Fotografien andererseits, wird den Portraitbildnissen eine zeitgemäße Präsentationsform verliehen, die eine Möglichkeit herausfordert die Immobilität des Repräsentationsportraits zu überwinden. Die Portraitierten selbst sind in ihren jeweiligen Zeitkontexten und unterschiedlichen Lebensalter zu sehen. Sie konfrontieren den/die BetrachterInnen mit einer zeitlichen Distanz und mit einer gewissen Strenge und Würde. Dem »Gruppenbild« gelingt es durch die Unmittelbarkeit in der Inszenierung die Distanz zum/r BetrachterIn zu relativieren.

Die sich im Zentrum der Installation befindende Stele mit Fragezeichen steht stellvertretend für alle WissenschafterInnen, deren Forschungen an dieser Universität durch Antisemitismus, Nationalsozialismus und Vertreibung jäh unterbrochen wurden. Die Verkörperung dieser Leerstelle, die bis in die Gegenwart reicht, erinnert aber auch an den fragwürdigen Umgang der Universität Wien mit den vertriebenen ForscherInnen. Einerseits wurde wenig unternommen, um die Vertriebenen nach 1945 wieder für die Universität zurückzugewinnen, andererseits wurden Vertriebene nach ihrer Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Österreich vereinnahmt.

Die gesamte Installation – begleitet von einer fundierten Aufarbeitung der Vergangenheit – kann mit dem Abbild dieser großen Vertreter von wissenschaftlichen Leistungen und Erfolgen auch als Motivation für die Zukunft der universitären Forschung und Wissenschaft gesehen werden.

Gabriele Ruff